Zweifädiges Spinnrad

Zweifädiges Spinnrad

Obwohl es einem die Bezeichnung suggerieren möchte, hat ein solches mitnichten zwei Antriebsfäden, sondern nur einen sehr langen, der doppelt genommen wird und sich einmal überkreuzt (1) und an einer Stelle (2) verbunden ist.

Anmerkung

in der Skizze ist (2) symbolisch durch einen deutlichen Knoten dargestellt. Eine so große Unebenheit in der Antriebsschnur würde sich störend auf den Lauf des Spinnrades auswirken und deshalb sind an realen Spinnrädern flachere Verbindungsarten vorzuziehen.

Dieser verläuft über das Antriebsrad (a), dann einmal über die Antriebsrille der Spule (blau), wieder über das Antriebsrad und dann über die Antriebsrille des Spinnflügels (grün).

Im Gegensatz zu den beiden anderen Flügelspinnradarten werden also hier beides, sowohl Spule als auch Spinnflügel, angetrieben.

Da sich auch hier Spule und Spinnflügel mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten drehen müssen, damit sich der Faden überhaupt aufwickelt, haben die beiden Antriebsscheiben einen unterschiedlichen Durchmesser.

Fast ausnahmslos ist hierbei der Durchmesser bei der Spule kleiner. Sollte einem mal ein Spinnrad begegnen, bei dem es genau umgekehrt ist, kann man davon ausgehen, dass irgendein findiger Bastler einen Spinnflügel und eine Spule, die nicht von ein und demselben Spinnrad stammen, zusammengebastelt hat.

Die Antriebsscheibe der Spule wird übrigens Spulscheibe und die des Spinnflügels Wirtel oder manchmal auch Schnurscheibe genannt.

Wie aber lässt sich hier der Einzug regeln?

Irgendwie muss ich ja die Stärke/Geschwindigkeit, mit der der Spinnfaden in der Spinnöffnung verschwindet, regelbar sein.

Dies geschieht über die Einstellung der Fadenspannung.

Beim Betrieb eines solchen Spinnrades ist es geradezu erwünscht, dass der Riemen auf der Rille der Spule mehr oder minder durchrutscht, die Spule sich also nicht mit der „vollen“ Geschwindigkeit dreht. Je mehr die Spule durchrutscht, je weniger wird der Faden eingezogen.

Was hat aber nun die Fadenspannung mit der rutschenden Spule zu tun?

Das ist doch eigentlich logisch … je loser der Antriebsfaden ist, desto einfacher kann die Spule durchrutschen und bei einem eher strammeren Antriebsfaden wird die Spule gar nicht durchrutschen und man hätte somit den maximalen Einzug.
Natürlich macht es hier keinen Sinn, die Fadenspannung so weit zu reduzieren, dass der Antriebsfaden in der Rille des Wirtels durchrutscht. Damit dies möglichst erschwert wird, sind bei vielen zweifädigen Spinnrädern die Form der Rillen bei der Spule und Spinnflügel unterschiedlich:

Die Rille des Wirtels (W) eher tief V-förmig und spitz zulaufend, damit sich der Antriebsfaden (auch bei loserer Fadenspannung) besser festklemmen kann, während die Rille der Spulscheibe (S) eher schön flach und rund sein sollte, damit dort der Antriebsfaden gerade zu eingeladen wird, durchzurutschen.

Der Einzug bei zweifädigen Spinnräder, bei denen die Rillen so ausgelegt sind, lässt sich deutlich spürbar, besser und (gerade auch bei eher loser Fadenspannung) viel feinfühliger justieren.

Eine weitere Möglichkeit, den Einzug bei zweifädigen Spinnrädern zu beeinflussen hat derjenige, der verschiedene Durchmesser bei Wirtel (und manchmal auch bei Spulscheibe) zur Verfügung hat. Z.B. durch mehrere unterschiedliche Wirtel (Spulen) oder solche mit mehr als nur einer Rille.

Diese Auswahl verändert nicht nur das Antriebsverhältnis, sondern hat auch Auswirkungen auf die Stärke des Einzuges:

Je größer nämlich der Unterschied des Durchmessers bei Wirtel und Spulscheibe ist, je stärker ist der Einzug (weil das einen größeren Unterschied bei der Umdrehungsgeschwindigkeit zwischen Spule und Flügel möglich macht und somit der Faden schneller aufgewickelt, d.h. stärker eingezogen wird).

Merke

Die maximal mögliche Einzugsgeschwindigkeit wird durch den Unterschied des Durchmessers bei Wirtel und Spulscheibe vorgegeben (wenn die Spule gar nicht durchrutscht). Es gibt also jeweils eine Obergrenze für den Einzug, die sich bei gegebener Wirtel-Spulscheiben-Kombination nicht überschreiten lässt.

Für die Praxis bedeutet dies aber auch, dass es keinen Sinn macht, die Fadenspannung immer weiter zu erhöhen. Wenn ich also bei dem Punkt angekommen bin, bei dem die Spule nicht durchrutscht (und sich auch in gewünschtem Maße dagegen sträubt, wenn ich den Spinnfaden festhalte), bewirkt eine weitere Erhöhung der Fadenspannung nur noch, dass das Spinnrad immer schwerer laufen wird (Erhöhung der Lagerbelastung, Reibung)

Auch bei dieser Spinnradart gilt der Tipp, jeden Spinnversuch mit einer losen Fadenspannung zu beginnen und diese langsam und gefühlvoll zu erhöhen, bis zur gewünschten Einstellung.

AutorIn: Dagmar Gaber