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Ramie

(Text aus einer sehr alten Nicole-Zeitung, aber immer noch hochaktuell)

Dieses Wort wird vielen von Ihnen zum erstenmal begegnen. Deshalb vorab eine kurze Erklärung, was Ramie ist. Ramie ist eine Bastfaser, gehört also von daher zur selben Familie wie Leinen, Jute und Hanf. Die Ähnlichkeit mit Leinen ist am größten. Gewonnen wird die Ramiefaser aus Nesselpflanzen, die Verwandte unserer Brennnesseln sind. In China und im Orient ist Ramie seit Jahrtausenden bekannt, bei uns eher ein Newcomer, ein Neuling mit guten Aussichten auf eine Karriere, vor allem bei Strickgarnen.

Wenn wir den Ursprüngen der Ramiefaser und ihrer Verwendung nachgehen, müssen wir uns nach China begeben. Alte Schriften berichten, daß Ramie dort schon im Jahre 1797 v. Chr. gebräuchlich war. Ähnliches wird auch aus Japan, Indien und dem alten Ägypten vermeidet. So sollen Mumien in den ägyptischen Königsgräbern in Ramietücher eingehüllt gewesen sein.

Erst um 1700 n. Chr. wurden erste Berichte über Ramie in Europa bekannt, so unter anderem von dem französischen Jesuitenpater Louis Lecomte, der 1697 in Paris schrieb:

„Außer den sehr verbreiteten Baumwolltüchern brauchen die Chinesen für ihre langen Kleider im Sommer Nesseltuch. Das am höchsten geschätzte Tuch, das man nirgendwo anders findet, heißt ‚Co pu‘ ‚ weil es aus einem Kraut bereitet ist, das die Leute ‚Co‘ nennen und das man in der Provinz Fukien antrifft. Dieses ist durchscheinend, recht fein, aber so frisch und leicht, daß man meint, man trage gar nichts.“ Die Biologen begannen, sich intensiv mit der Ramiepflanze und ihren verschiedenen Arten zu beschäftigen.

Anfang des 18. Jahrhunderts gelangten prachtvolle Stoffe unter der Bezeichnung „China Grass Cloth‘ (Chinagrastuch) nach Europa, ebenso Gewebe, die man „China Linnen“ (chinesisches Leinen) nannte.

Außerdem wurden als Halbfertigprodukt Ballen von Chinagras herangeschafft. Dazu später mehr.

Im englischen Leeds, in Paris und im sächsischen Zittau begannen etwa ab 1815 die Spinnereibetriebe, sich für Ramie zu interessieren. Aber es gab da große Probleme. Die Ramiefasern kleben besonders intensiv zusammen. Mit herkömmlichen Mitteln, die man vom Flachs her kannte, war dem Pflanzenleim nicht beizukommen. Außerdem gab es noch keine Maschinen, um die Bastfasern aus den geernteten Stängeln zu lösen.

Die Chinesen hatten da nichts zu bieten. Sie erledigten das mit Handarbeit.

Die Europäer versuchten jahrzehntelang, Methoden einer rationellen maschinellen Aufbereitung der Ramiefaser zu entwickeln.

Auf den großen Weltausstellungen 1851 in London und 1889 in Paris gab es dazu allerlei Anregungen und Erfindungen, denn die Ramiefaser forderte die Techniker immer wieder heraus. Sie bestach durch ihre große Festigkeit, ihren herrlichen Glanz und ihre besondere Länge.

Es gab auch viele Versuche, die Ramiepflanze außerhalb der klassischen Anbaugebiete in Fernost heimisch zu machen.

Ende der 20er Jahre legten die Amerikaner in Florida riesige Plantagen an. Sie sind längst wieder verschwunden. Seit 1855 investierten die USA rund 100 Millionen Dollar in die Ramiegewinnung. Aus heutiger Sicht war das eher herausgeworfenes Geld. Denn jetzt haben wieder die Chinesen die Nase vorn. Der größte Teil der Maschinen zur Ramieaufbereitung kommt aus Deutschland.

Beschäftigen wir uns jetzt näher mit der Ramiepflanze. Sie gehört botanisch zu den Nesselgewächsen (Urticaceen), und zwar zur Gattung Boehmenia, die keine Brennhaare besitzen. Man unterscheidet vor altem zwei Arten.

1. Die weiße oder chinesische Nessel (Boehmeria nivea) mit weißlicher Unterseite an den Blättern. Sie gedeiht vor allem in gemäßigtem und auch subtropischem Klima und wurde früher Chinagras oder weiße Ramie genannt.

2. Die grüne oder indische Nessel (Boehmenia utilis), mit grünlicher Blattunterseite, die in tropischen Gegenden gedeiht und einen höheren Ertrag bringt. Diese Art trug früher den Namen grüne Ramie.

Wegen der starken Ähnlichkeit wird heute die Unterscheidung beider Arten vernachlässigt. Als Chinagras wird die noch nicht entbastete Rohfaser bezeichnet; die Faser als Ramie. Hauptanbauländer sind neben China die Philippinen, Indonesien, Japan und Brasilien.

Die Ramiepflanze ist 20 bis 25 Jahre ertragreich. In tropischen Gebieten sind bis zu acht Ernten möglich, sonst drei bis fünf die Regel.

In China und Indonesien wird Ramie vor allem auf kleinen Flächen angebaut und von Hand geerntet. Dabei werden die bis zu 2,5 Meter hohen Stängel etwa 15cm über dem Boden abgeschnitten. Die letzten 15 cm sind stark verholzt, die darin enthaltenen Fasern sind nicht zu gebrauchen. In Brasilien gibt es große Ramieplantagen, die maschinell abgeerntet werden.

Die Ramifaser ist schwer zu gewinnen

Die eigentliche Fasergewinnung bei Ramie ist aus zwei Gründen schwierig:

1. Die Fasern sind nicht, wie z.B. beim Flachs, schön ringförmig im Stängel angeordnet, sondern einzeln und in kleinen Gruppen in der Bindenschicht verteilt.

2. Der Pflanzenleim (Pektin) der die Einzel- oder Elementarfasern zusammenhält, ist sehr hart und vergleichsweise schwer zu lösen.

Erster Schrift der Fasergewinnung ist das Entrinden oder Dekortieren. Dabei wird der rohe Bast abgelöst. Geschieht das Entrinden mit der Hand, werden zunächst die trockenen Stängel gespalten. Danach werden die Teile in Wasser weich gemacht und im Anschluss daran wird die grüne Oberhaut abgeschabt. Die so gewonnenen Baststreiten werden getrocknet und kommen als „Chinagras“ in den Handel.

Wird der Bast maschinell abgelöst, werden die grünen Stängel mit Schälmaschinen entrindet. Der Bast wird getrocknet. Auf Großplantagen gibt es auch Mäh-Entrindungs-Maschinen, wobei Ramie in einem Arbeitsgang gemäht, entrindet und gebündelt wird. Die Ernte erfolgt immer im Stadium der Grünreife vor der Samenbildung, weil die Stängel später zu stark verholzt wären.

Um die spinnfertigen Einzelfasern zu gewinnen, muss das Chinagras chemisch behandelt werden. Man nennt diesen Vorgang Degummieren. Dabei werden der Pflanzenleim und andere Begleitstoffe ausgesondert. Dafür gibt es unterschiedliche Verfahren, wobei sich vor allem das Kochen der Baststreifen in einer verdünnten Laugenlösung, offen oder unter Druck, bewährt hat. Danach werden die Fasern gespült, neutralisiert und getrocknet. Die Ausbeute an entrindetem und entholzten Chinagras beträgt je nach Produktionsgebiet 1,5 bis 5 kg von 100 kg grünen Stängeln ohne Blätter. Nach der Degummierung ergibt das 1 bis 3 kg Ramiefasern.

Von der Nessel bis zur Faser: Schöner Glanz und große Festigkeit

Kommen wir jetzt zu den wichtigsten Eigenschaften der Ramiefasern.

Die Länge der einzelnen Ramiefasern beträgt 60—260 mm, vereinzelt sogar bis 600 mm. Ramie hat also die längsten Einzelfasern aller Bastfasern.

Der weiße Ramie wird so genannt, weil die Blattunterlage perlmuttweiß ist. Sie gedeiht vor allem in gemäßigtem Klima. In tropischem und subtropischem Klima wachsen dagegen die grünen Ramies, deren Blätter auch unten grün sind. Deren Fasern sind in der Regel etwas stärker als die der weißen Ramie. Die Fasern nehmen nur schwer Schmutz an und geben ihn gut wieder ab. Die Ramiefaser hat einen auffallend schönen, matten Glanz. Die Farbe der Fasern ist im Rohzustand gelblich bis bräunlich, nach der Bleiche schneeweiß. Die Ramiefaser ist außerordentlich fest. Sie übertrifft dabei Leinen um das Zwei- bis Dreifache. Das bedeutet gleichzeitig, daß Ramie extrem unelastisch ist, also kaum dehnbar. Deshalb knittert Remis auch sehr leicht. Die ungewöhnliche Festigkeit der Ramiefasern kann im textilen Bereich allerdings kaum ausgenutzt werden, sondern vor allem bei technischen Textilien. Ramie ist kochbeständig und besitzt eine hohe Quell- und Saugfähigkeit. Ramie kann mit allen Waschmitteln problemlos gewaschen werden und ist gegen Hitze ebenso resistent wie Leinen.

Ramie macht Grane schön und stabil

Ramie ist keine Faser, die im Überfluss vorhanden ist. Entsprechend hoch ist der Preis, etwa dem von hochwertigem Leinen vergleichbar.

Die Anwendungsgebiete für Ramie sind deshalb eingeschränkt worden. Schwerpunkte liegen heute einmal im technischen Bereich z. B. für Transportbänder, Triebriemen usw. Hier wird Ramie vor allem wegen seiner hohen Festigkeit und geringen Elastizität gebraucht.

Früher wurden aus Ramie auch feine Haus- und Tischwäschen, Klöppelspitzen und Möbelbezugsstoffe hergestellt. Hier dominieren heute pflegeleichtere und preiswertere Fasern. Aus nicht verspinnbaren Ramieabfällen werden hoch­wertige Papiere für Banknoten und Dokumente hergestellt.

Für den Handstrickbereich gewinnt Ramie allerdings an Bedeutung.

Der schöne Glanz und die hohe Festigkeit der Faser machen Ramie vor allem für Beimischungen interessant, wobei dieses Material auch dominieren kann.

Die häufigsten Kombinationen sind Ramie/Wolle und Ramie/Seide, wobei auch Wildseide (Tussahseide) verwendet wird. Bei der Kombination mit Wolle ergibt sich eine sehr hohe Festigkeit des Garnes, die andererseits oft nur mit einer Beimischung von Chemiefasern erreicht werden kann. Mit der Seide hat Ramie den matten Glanz gemeinsam. Auch von daher liegt eine Mischung beider Faserartern sehr nahe. Auch hier wirkt Ramie stabilisierend. Der Glanz von Ramie bleibt auch nach vielen Waschgängen erhalten. Allerdings müssen Sie sehr sorgfältig auf die Pflegesymbole auf den Garnbanderolen achten.

Ausrüstungen und Färbungen (diese Garne werden sehr oft pflanzengefärbt angeboten) können Einschränkungen erforderlich machen, und zwar hinsichtlich der Waschtemperatur und der Waschmittel, die sonst bei der Ramiefaser nicht erforderlich sind.

Mit synthetischen Farbstoffen lassen sich gebleichte Ramiefasern allerdings sehr gut waschecht einfärben.

Weiterführender Informationen auf Wikipedia.