Handspinngilde e.V.

Cashgora

(Text aus einer sehr alten Nicole-Zeitung)

Das feine weiße Haarkleid einer neuen Ziegenrasse wird als „die Naturfaser des Jahrhunderts“ gefeiert

Preisfrage: Wie verwandelt man eine Landplage in eine Goldgrube?

Das wüssten wir wohl alle gern. Aber es gibt immer wieder Leute, die es schaffen. Zu ihnen gehört Fred Moylan, seines Zeichens australischer Viehzüchter.

Diesem Fred Moyland fiel es vor einigen Jahren ein, die Buschziegen, die sich in Australien zu Millionen herumtreiben, einmal näher anzusehen. Er stellte fest, daß sie ein herrlich weiches Unterhaar haben, dem der Kaschmirziege sehr ähnlich.

Und weil Fred Moylan sein Handwerk versteht, kam er auf die Idee, man müsse daraus doch etwas machen können, zum Beispiel schöne Garne und natürlich auch Geld.

Die Sache lag eigentlich schon lange sehr nahe. Aber um diese Ziegen hatte sich bisher niemand gekümmert. Vielmehr waren sie in den Augen der Farmer eine Art Landplage.

Vor 150 Jahren waren diese Tiere nach Australien gebracht worden, von Einwanderern, die Vorsorge trafen für ihre Ernährung, als sie nach Australien fuhren. Auch Schafe wurden damals mit den Schiffen nach Australien gebracht, die sich schnell an ihre neue Umgebung gewöhnten und bald zum Rückgrat der australischen Wirtschaft wurden.

Schottisches Geld für Zuchtversuche

Um die Ziegen kümmerten sich die Menschen nicht sonderlich lange. Sie wurden in den Busch getrieben, verwilderten dort, vermischten und vermehrten sich. Ihre Zahl wird heute auf drei bis fünf Millionen geschätzt.

Und dann kam dieser Fred Moylan. Er zog Wissenschaftler der Queensland-Universität dazu, die feststellten, daß das Unterhaar dieser Ziegen eine Faser sei, die dem der Kaschmir-Ziegen durchaus ähnlich sei. Nur haben das nicht alle Ziegen, sondern etwa 70 Prozent. Man würde auswählen müssen, züchten, veredeln. Und das verstand Moylan ja. Ihm gefiel allerdings nicht, daß das Unterhaar normalerweise ausgekämmt werden muss. Zudem ergibt das pro Tier nur 100 bis 200 Gramm.

Australier kleckern nicht gern, sie klotzen lieber. Also kam Moylan auf die Idee, sich an den Textilgiganten Dawson International zu wenden, der im schottischen Kinross seinen Sitz hat und zudem der Welt größter Kaschmirverarbeiter ist. Er brauchte finanzielle Unterstützung für seine Pläne.

Die Schotten bissen an. Und das hatte einen sehr handfesten Grund: Bisher bezog Dawson Kaschmirfasern vor allem aus China und der Mongolei, um sie dann zu verarbeiten, Nun gehen die Chinesen aber immer mehr dazu über, das selber zu machen. Das bringt mehr ein.

Der Rohstoff Kaschmir wurde also immer knapper.

Da kam Fred Moylan gerade zur rechten Zeit. Er war den Schotten auch kein Unbekannter, denn er hatte bereits die Mohairproduktion in Australien angekurbelt. Vor einigen Jahren hatte er mit einer Herde von 2000 rein rassigen Mohairziegen begonnen. Das Ergebnis war beachtlich. Warum sollte also dieser Mann aus Melbourne nicht auch aus den Buschziegen etwas machen können?

Mit Mohairböcken zum Cashgora

Das Resultat dieser Überlegungen war die Gründung einer Ziegenfarm in Tumut, New South Wales, die unter dem Namen „Kinross Cashmere Company“ firmiert.

Wir kommen auf diese Farm später noch zurück und wenden uns jetzt einem anderen Versuchsfeld zu, das in Adelong, ebenfalls New South Wales, liegt.

Hier wurden nämlich die Buschziegen mit Mohairböcken gekreuzt. Es entstand so eine völlig neue Ziegenrasse, für die sich inzwischen der Name Cashgora eingebürgert hat. „Cash“ steht für Kaschmir, also das feine Haar der Buschziegen. „Gora“ ist die Endsilbe von Angora, denn ursprünglich hießen die Mohairziegen Angoraziegen. Ein synthetischer Name also. Er verrät aber schon einiges über diese neue Faser. Kaschmir steht für besonders fein, weich, gekräuselt. Mohair ist dagegen vergleichsweise grob, sehr lang, schön glänzend und vor allem schneeweiß.

Das Ergebnis der Kreuzung liegt in der Mitte: Ein mattglänzendes, recht feines, weißes Haarkleid (Näheres über die Eigenschaften von Cashgora auf Seite 92).

Dass die neue Faser weiß ist, hat den Vorteil, daß sie sich gut einfärben lässt. Dass es gelang, sie weiß zu züchten, liegt an den Mohairböcken, deren Erbanlage „weiß“ sich gegen die „farbige“ der Buschziegen immer durchsetzt.

Die Devise heißt Produzieren

Es handelt sich in der Tat um eine völlig neue Naturfaser, wenn auch bisher bekannten eng verwandt. Und es verwundert nicht, daß die Australier und Schotten von der „Jahrhundert-Faser“ sprechen. Es sei ihnen gegönnt. Uns interessiert natürlich, wo und wann das neue Garn bei uns zu haben ist. Es beginnt im September dieses Jahres. Der Name des Garnes lautet konsequenterweise „Cashgera“, wenn es auch nur zu 30 Prozent das neue Ziegenhaar enthält. Der Rest ist Lambswool.

Hauptgrund dafür ist, daß das Aufkommen von Cashgora noch nicht mit einer großen Nachfrage Schritt halten könnte. Man hätte natürlich auch noch warten können.

Aber hier zeigt sich, daß die Hersteller und Verarbeiter nicht die Geduld hatten, den Faser-Knüller noch lange für sich zu behalten. Sie drängen erst einmal auf den Markt. In absehbarer Zeit wird aber sicher auch reines Cashgora zu haben sein.

Cashgora-Vater Fred Moylan meint dazu: „Wer kann sich vorstellen, wie die Zukunft dieser Ziege aussieht? Am Ende beherrschen sie vielleicht den Markt Das wäre nicht unlogisch, weil der in der Mitte liegende Faserbereich am brauchbarsten ist, und von daher hat Cashgora vielleicht die besten Aussichten.“

Man wird sehen. Die Australier geben sich alle Mühe, mehr zu produzieren. Im Gegensatz zu ihren asiatischen Kollegen Ziegenzüchtern scheren sie die Tiere. Das Rohmaterial wird nach England gebracht, wo das begehrte Unterhaar maschinell ausgesondert wird. Dieses Verfahren garantiert eine größtmögliche Ausbeute der vorhandenen Rohstoffe.

Unsere Geschichte über die Cashgora-Ziege wäre jedoch unvollständig, wenn wir nicht noch einmal zur „Kinross Cashmere Company“ zurückkehren würden. Es fällt auf, daß die Australier für ihre Ziegenhaare ganz kess den Begriff „Kaschmir“ (engl. —Cashmere) gepachtet haben, obwohl der eigentlich den Kaschmir-Ziegen vorbehalten ist. Es deutet alles darauf hin, daß man so versucht, feines Haar von Ziegen generell als Kaschmir zu bezeichnen, um mit dem „australischen Kaschmir“ irgendwann den Chinesen paroli bieten zu können.

Cashgora ist nämlich letztlich nur ein — wenn auch sehr attraktives — Zwischenprodukt auf dem Weg zum Kaschmir. Dafür werden die besten Buschziegen mit Kaschmirziegen gekreuzt.

Fred Moylan hat eine Vision

1 Tonne guten Materials gewann Dawson so bereits 1980.1983 waren es schon 10 to. Man will auf 2000 to kommen, was der Nachfrage auf dem Weltmarkt entspricht. Aber man ist sich auch in der Zielsetzung klar: Das australische „Kaschmir“ muss dem chinesischen zumindest ebenbürtig sein.

Die Traumziege, wie sie Fred Moylan vorschwebt, existiert noch nicht. Er hat nur eine Vision davon: „Meiner Vorstellung nach ist sie ein ziemlich großes Tier, ein weißes Tier, dicht mit Kaschmir bedeckt. Mit einigen Tieren kommen wir unserem Zuchtziel schon sehr nahe.“

Und er erinnert sich an die Anfänge der australischen Schafzucht, deren Ertrag pro Einzeltier immerhin um rund das Zehnfache gesteigert wurde. Das könnte nach seiner Vorstellung auch mit den neuen Kaschmirziegen möglich sein.

Der Bestand dieser Tiere soll in den nächsten 20 Jahren auf 40 Millionen Stück erhöht werden. So der Plan. Unmöglich scheint das nicht. Denn die Ziegen können mit Schafen gut gemeinsam gehalten werden, weil sie die raueren Gewächse fressen und den Schafen nichts wegnehmen. Auch die Farmer ziehen inzwischen freudig mit: Eine Tonne Kaschmir — so Moylan  bringt mehr Gewinn als 10 Tonnen Wolle. Das spornt an. Die Ziegen-Landplage soll zur Goldgrube werden.

Wie durch Züchtung eine neue Faser entsteht

Wir wollen hier den Versuch unternehmen, Ihnen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln den Zuchterfolg der Australier zu verdeutlichen. Zu diesem Zweck haben wir drei verschiedene Fasern — nämlich Mohair, Kaschmir und Cashgora — unters Mikroskop gelegt und fotografiert. Der besseren Optik wegen wurden die Fasern gelb eingefärbt. Die Aufnahmen hat unser wissenschaftlicher Berater Prof. Jochen Tensfeldt von der Fachhochschule Hamburg gemacht. Wir sehen die Fasern in 400facher Vergrößerung.

Es fällt sofort auf, dass die Cashgora-Faser in der Stärke zwischen Mohair und Kaschmir liegt.

Zur Oberflächenstruktur: Mohair ist mit dachziegelartigen Schuppen bedeckt. Die Faser ist flach gewellt (hier wegen der starken Vergrößerung nicht sichtbar). Die Oberfläche ist sehr glänzend. Das Kaschmir-Haar ist wegen seiner extremen Feinheit von einer Schuppenschicht umhüllt, die optisch eher an einen Bambusstab erinnert. Das Haar Ist stark gekräuseIt und von schwachem Glanz. Das Cashgora-Haar hat wieder eher eine dachziegelartige Schuppenoberfläche. Das Haar hat einen intensiven matten Glanz, Ist wenig gekräuselt und bis zu 11 cm lang. Bei den letzten beiden Eigenschaften dominiert also Mohair. Die Filzneigung dürfte etwas geringer als die der Wolle sein. Für die Pflege empfiehlt sich deshalb Handwäsche bis 30 Grad. Benutzen Sie ein Feinwaschmittel. Pflege sonst wie bei Wolle. Wann reines Cashgora-Garn auf den Markt kommt, ist derzeit noch unklar. Das hängt vor allem davon ab, wie schnell sich der Cashgora-Bestand vermehren lässt und wie stabil die derzeitigen Zuchtergebnisse der Australier sind.