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Brennnesselfaser

Um das Jahr 1250 erwähnt bereits Albertus Magnus, dass man aus der Brennnessel Gespinste und Gewebe herstellen kann. Diese Erzeugung muss auch einen gewissen Umfang gehabt haben, da sich die Bezeichnung Nessel für ein gröberes Baumwollgewebe, das seiner Art nach dem aus Nesselfasern hergestellten Stoff entspricht, bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Die Bestrebungen die Nesselfaser wieder in den Dienst der Textilindustrie zu stellen, nahmen insbesondere im Weltkriege einen größeren Umfang an; sie ruhten auch nach Beendigung des Krieges nicht, da sich die im Jahr 1917 gegründete Nesselanbau-Gesellschaft nach wie vor mit dem Problem beschäftigte und darin von den österreichischen und ungarischen Gesellschaften gleicher Art nachdrücklich unterstützt wurde. Das kann schon deshalb nicht überraschen, weil die Nesselfaser sich durch ihre besondere Festigkeit auszeichnet, die diejenige des Hanfes nicht selten übertrifft und in ihrem seidigen Glanz und ihrer Geschmeidigkeit dem Flachs nicht nachsteht.

Wenn trotzdem die Erfolge nicht befriedigt haben, so liegt das daran, dass es bisher trotz aller Versuche nicht gelungen ist, die in dem Stängel enthaltene Faser in rationeller Weise zu gewinnen. Die Fasern sind durch einen schwer lösbaren Klebstoff miteinander verbunden und in die Rinde eingewachsen; die einzelnen Zellen stehen überdies zum Teil nicht im Zusammenhang und das Aufschließungsverfahren bietet deshalb große Schwierigkeiten. Die Ausbeute an nutzbaren Fasern ist demnach nicht höher als 6-10 Prozent, wobei überdies noch gewisse Schwierigkeiten beim Verspinnen infolge des anhaftenden Klebstoffs und der Rindenteile anscheinend unvermeidbar sind. Ob diese Hemmungen im Laufe der Zeit überwunden werden können, ist nicht sicher.

Zur Fasergewinnung dient die bei uns weit verbreitete Brennnessel Urtica dioica, die unter günstigen Verhältnissen eine Höhe bis zu 2 Metern erreicht. Sie wird zu diesem Zweck angebaut und nach der Reife der Samen mit der Sichel oder der Maschine geschnitten und getrocknet. Danach müssen zunächst die Blätter vom Stängel entfernt werden; sie geben infolge ihres Eiweißgehaltes ein nahrhaftes Viehfutter, doch kann man sie auch zur Herstellung einer grünen Farbe benutzen. Die Faser selbst kann nunmehr auf trockenem oder nassem Wege gewonnen werden. Es sind hierfür zahlreiche Verfahren und maschinelle Vorrichtungen in Vorschlag gebracht worden, da die Gewinnung dieser schönen Faser immer wieder den Erfindungsgeist angeregt hat. So hat neuerdings Professor Bredemann eine Nessel gezüchtet, die nicht nur den fünffachen Ertrag an Stängeln liefert, sondern auch den Faserertrag bis zu 13% steigerte. Da eine Brennnesselanlage immerhin 15-20 Jahre abgeerntet werden kann und in jedem Jahr einen dreimaligen Schnitt ermöglicht, so erschient es keineswegs ausgeschlossen, dass ihre Zucht einmal größeren Umfang annimmt. In Ungarn wird sie zur Zeit etwa 50.000 Tonnen betragen. Allerding verlangt sie humusreiche Böden und eine reichliche Stickstoff- und Kalidüngung, da sie den Boden stark beansprucht.

Quelle: Koepper, Gustav: Was wir spinnen und weben.


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