Handspinngilde e.V.

Angora

(Text aus einer sehr alten Nicole-Zeitung)

Haben Sie schon einmal etwas von „Angorismus“ gehört?

Das ist keine Weltanschauung, sondern die Bezeichnung für die Fähigkeit mancher Tiere, ein langwachsendes, wellenförmiges, seidiges Haarkleid zu bilden. Prominente „Angoristen“ sind: das Angorakaninchen, die Angorakatze und die Angoraziege. Um einer Begriffsverwirrung vorzubeugen, nennt man die Angoraziege Mohairziege, die also Mohair liefert. Die Angorakatze wird nicht geschoren. Damit ist die Bezeichnung „Angora“ dem Haarkleid der gleichnamigen Kaninchen vorbehalten.

Die Herkunft des Angorakaninchens wird in der türkischen Provinz Angora (seit 1930 Ankara) in den südlichen Randgebieten des Kaukasus vermutet. Bewiesen ist das allerdings nicht.

Klar ist nur, daß im Jahr 1723 englische Seeleute die ersten Angorakaninchen mit nach Südfrankreich brachten. Diese Arten hatten noch nicht die reinweiße Färbung, die wir heute von den Albinos (= Weißling) kennen.

Dieses Ergebnis wurde erst später durch gezielte Züchtungen erreicht. Gleichzeitig wurde auf eine Verbesserung der Wollleistung hingearbeitet. Darum ist man auch heute noch weiter bemüht.

Was den Züchtern ihre Arbeit bei Angorakaninchen sehr erleichtert: Die Häsin trägt nur ca. 30 Tage. Das Ergebnis wird also schnell feststellbar. Um einmal zu sehen, wie so etwas in der Praxis funktioniert, haben wir Wilhelm Sämisch in Geldern-Hartefeld nahe der holländischen Grenze besucht.

Durch die Arbeit unter Tage ist er Frührentner geworden und hat hier eine Angora-Musterzucht aufgebaut. Er ist, was die Hasen angeht, inzwischen ein alter Hase. Sogar Chinesen—die in der Welt die meiste Angorawolle produzieren — haben sich schon bei ihm umgesehen, um etwas dazu zu lernen.

Derzeit hat Wilhelm Sämisch 300 Tiere. Sie werden einzeln in Ställen gehalten. Der Boden besteht aus einem dünnen Gitter, damit der Kot durchfallen kann. Das soll Infektionen und stärkere Fellverschmutzung verhindern.

Als Nahrung bekommen die Tiere Kraftfutter.

Arbeit gibt es reichlich: Die Kaninchen sind zäh und gemütlich, aber sensibel. Wilhelm Sämisch kennt jedes Tier, registriert jede Veränderung. Und er muss penibel Buch führen.

Bei ihm, der im Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter organisiert ist, heißt das Zuchtbuchführung. Das Geburtsdatum wird dem Tier ins Ohr tätowiert, aufgeschrieben werden Wollleistung und Schurtermine, die Würfe, die Abstammung. Bei neuen Kreuzungen muss er die Übersicht behalten.

Der Grund: Züchtungen können in einer Sackgasse enden. Eine Häsin liefert beispielsweise die stolze Menge von 380 g pro Schur ab, ist aber unfruchtbar. Ihre ganze Kraft geht in die Wollleistung.

Die Tiere werden alle 75 bis 90 Tage geschoren, also viermal jährlich. Sie müssen im Jahr mindestens 1000 g liefern, sonst ist die Sache unrentabel. Denn die Hasen verbrauchen bei dieser Leistung gut die Hälfte des Erlöses für Futter und sonstige Haltungskosten.

Absatzsorgen hat Wilhelm Sämisch nicht. Er schloss einen Vertrag mit Europas größtem Angoraverarbeiter, den Medima-Werken. Von hier bekam der Züchter auch Starthilfe für den Aufbau der Zucht. Die kann übrigens auch jeder andere ernsthafte Interessent bekommen.

Das Aufkommen von Angorawolle in der Bundesrepublik ist zwar gering, doch sind die deutschen Hasen in aller Welt als Zuchttiere begehrt, vor allem bei den Chinesen. Denn die ernten von ihren Hasen im Durchschnitt nur 400 g pro Jahr, also knapp halb soviel wie deutsche Züchter.

In Westeuropa widmen sich vor allem noch Franzosen und Engländer der Angora-Zucht, in Asien außer den Chinesen die Japaner und in Südamerika die Peruaner und Bolivianer.

Wir wollen uns jetzt mit den spezifischen Eigenschaften des Angora-Haares beschäftigen, die es so begehrt machen. In der Bildfolge auf dieser Seite sind die wichtigsten schon dargestellt: Das Haar ist extrem dünn, es enthält viel Luftkammern, es ist besonders glatt.

Die Feinheit und der hohe Anteil an Luftkammern macht Angora-Wolle für Gesundheitswäsche unentbehrlich. Es hat nicht etwa das Haar selber eine heilende Wirkung, sondern sein hohes Wärmerückhaltevermögen.

Luft isoliert sehr gut. Die ist in den Angorahaaren und auch zwischen den feinen Haaren im Garn reichlich gespeichert. Die Wärme, die vom Körper erzeugt wird, kann nur sehr langsam nach außen entweichen. Deshalb hält Angorawolle besonders warm.

Dazu kommt noch ein zweiter Grund: Angoragarn kann bis zu 60 % seines Gewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Auch die Feuchtigkeit, die der Körper ständig abgibt, wird von Angora nur sehr langsam nach außen abgegeben. Daher wird dem Körper auch durch Verdunstung so gut wie keine Wärme entzogen.

Wegen der wärmenden Wirkung wird Angorawäsche vor allem von Rheumakranken getragen. Für diesen Zweck werden so genannte Segmente hergestellt, für die Schulter, Arme, Beine. Dadurch können Teilbereiche des Körpers besonders warm gehalten werden, ohne daß man insgesamt zu warm angezogen ist. Im Sommer wäre das höchst unwillkommen.

Die Feinheit und Glätte des Angora-Haares empfinden wir als sehr angenehm. Angora schmeichelt der Haut. Es schmeichelt auch dem Auge, denn die flauschig abstehenden Haare vermitteln zusätzlich ein Bild von Weichheit. So ist denn Angora auch der Mode unentbehrlich.

Das hat seinen Preis. Einmal ist Angora sehr teuer. 1 kg Handstrickgarn kostet immerhin um 600 Mark.

Zum anderen stellt das feine Haarkleid der Angora-Hasen die Techniker vor große Probleme: Es lässt sich nur schwer verspinnen, weil die Haare kaum aneinander haften, sie rutschen leicht wieder aus dem Garn heraus. Angora wird deshalb kaum rein versponnen, sondern in der Regel mit anderen Fasern gemischt, vorzugsweise mit der feinen Merino-Schafwolle, Schafkamelwolle wie Alpaka und den synthetischen Fasern Polyamid und Polyacryl.

Diese Mischungen beeinträchtigen keineswegs die positiven Eigenschaften von Angora-Garn oder Angora-Wäsche. Sie erhöhen vielmehr die Haltbarkeit, sprich Lebensdauer. Für den Verbraucher ist das letztlich auch eine Preisfrage. Und um den optischen Angora-Effekt zu erreichen, genügen schon Beimischungen von 10 bis 30 % Angora. Denn beim Verspinnen von Gemischen kommen die feinsten Fasern immer nach außen zu liegen.

In diesem Zusammenhang noch ein Hinweis auf das Textil-Kennzeichnungsgesetz: Feine Tierhaare wie Angora (dazu gehören auch noch Alpaka, Lama, Kamel, Mohair, Kaschmir) sind der Wolle vom Schaf sehr ähnlich, werden also auch als „Wolle“ bezeichnet. Im Unterschied dazu ist der Begriff „Schurwolle“ jedoch der Wolle vom Schaf vorbehalten.

Kommen wir nun noch zu ein paar gängigen Standardmischungen, in denen Angora angeboten wird.

Bei Handstrickgarnen gibt es vielfach die Mischung 75 % Angora und 25 % Polyamid. Polyamid dient hierbei als „Stützfaser“. Es liegt im Garninneren und erhöht die Haltbarkeit.

Segmente und Bandagen

enthalten bis zu 40% Angora, um 30% Schurwolle, etwa 20 % Polyamid und 10% Lycra. Lycra macht diese Segmente dauerelastisch und verhindert ein Ausleiern. Schließlich müssen sie ja immer dicht auf der Haut liegen.

Gesundheitswäsche besteht meistens aus 60% Angorawolle und 40 % Polyacryl.

Sport- und Unterwäsche

hat in der Regel einen Anteil von ca. 50 % Angora. Den Rest bilden Schurwolle und Polyester. Polyester sorgt dafür, daß die Feuchtigkeit schneller nach außen abgegeben wird. Das ist bei schweißtreibenden Sportarten durchaus erwünscht.

Bio-Wäsche

Sie wird für diejenigen angeboten, die ausschließlich Naturfasern auf der Haut tragen möchten. Sie besteht je zur Hälfte aus Angora und feiner Schurwolle. Die Schurwoll-Fasern haben eine „rauhere“ Oberfläche und stabilisieren das Garn. Bio-Wäsche kann mit der Hand gewaschen werden.

Wichtig ist, daß Sie die Pflegesymbole genau beachten. Generell gilt, daß hochprozentiges Angoragarn recht empfindlich gegen Nassbehandlung ist. Nicht reiben oder rubbeln. Das Garn verfilzt sonst.

Wenn Handwäsche bis 30 Grad mit Feinwaschmitteln empfohlen wird, müssen Sie darauf achten, ob das Material viele Haare verliert (weil die Haare eben leicht aus dem Garn rutschen). Wenn das so ist, bringen Sie die Sachen-lieber in die Reinigung. Das gilt vor allem für Kleidungsstücke aus Handstrickgarn. Angora-Wäsche kann in der Regel bei 30 Grad im Schonwaschgang in der Waschmaschine gewaschen werden. Sie ist dafür entsprechend ausgerüstet.