Geschichte und Bedeutung des Spinnrads in Europa

Geschichte und Bedeutung des Spinnrads in Europa

Buchbesprechung

Sigrid Vogt: Geschichte und Bedeutung des Spinnrads in Europa

64 Seiten mit 25 s/w und 24 farbigen Abbildungen, 9 Karten (davon 5 farbig) sowie zahlreichen Tabellen
Verlag: Shaker Media, Aachen (2008)
ISBN 978-3-86858-074-7
Preis: 16,80 €

Ich behaupte: Dies Buch wird für die nächsten Jahre das Standardwerk sein für Jeden, der Näheres zu diesem Thema wissen möchte. Sigrid Vogt, Biologin und erfahrene Handspinnerin, hat uns alle mit dieser reich bebilderten, illustrierten und mit umfassenden Tabellen informativst ausgestatteten Studie auf dem Spinntreffen in Naundorf (Okt. 2008) überrascht. Ursprünglich sollte dies Buch die Einleitung ihres großangelegten und projektierten Handbuchs zur Geschichte des Spinnrades in Europa werden. Daß sich Sigrid Vogt entschloß, diesen Teil als selbständige Publikation vorab zu veröffentlichen, ist ein Geschenk an uns alle, da wir nun Jahre früher in den Genuß der Lektüre kommen. Denn diese Publikation hat nur Vorzüge. Zum Eeinen: Sigrid Vogt weiß, worüber sie schreibt und versteht vor allem, wissenschaftlich zu arbeiten. Das heißt;,. als erfahrene (Natur)-Wissenschaftlerin geht sie den zu diesem Thema zahlreich vorhandenen Allgemeinplätzen auf den Grund und übernimmt nichts ungeprüft, nur weil sie es vorher einmal gedruckt gelesen hatte. Des weiteren spürt man ihr persönliches Engagement, ihr Erkenntnis leitendes Interesse, das sie jahrzehntelang beharrlich Material sammeln, sichten und prüfen ließ, bis endlich die zusammengetragenen Splitter sich zu ordnen und zu sprechen begannen. Sigrid Vogts großartige Leistung ist es, dass sie diesen Prozeß über 15 Jahre Forschung sich hat vollziehen und reifen lassen, ohne Kompromiß gegenüber dem Thema, sondern in voller Verantwortung und Konsequenz. Das alles kommt dem Buch zugute, das heißt letztendlich uns, den Lesern. Für dieses zähe Dranbleiben am Stoff und genaue Klassifizieren aller Varietäten (wie Linné mit seinen Pflanzen), für diese Knochenarbeit sei Sigrid Vogt aus vollem Herzen gedankt. Ein paar Beispiele für Sigrid Vogts Arbeitsstil. Daß in der Glockendon-Bibel von 1525 erstmals ein Spinnrad mit Fußantrieb abgebildet sei, schrieb F. M. Feldhaus in seinem grundlegenden Werk, dem Technik-Lexikon (1914) und alle möglichen Leute übernahmen das. Nicht so Sigrid Vogt. Sie schaute sich die entsprechende Abbildung genau an und erkannte, dass es nicht stimmen kann. Das gefällt mir. Und ebenso klug geht Sigrid Vogt mit der Behauptung um, dass Meister Jürgens aus Watenbüttel bei Braunschweig 1530 der Erfinder des Flügelspinnrades gewesen sei. Ich will nun nicht verraten, wie sie das interpretiert. Sie macht es einfach souverän! Vertieft man sich nun in ihre Tabellen und Karten, so öffnet sich plötzlich eine Welt an Zuordnung und Systematik und auch zugleich ein Reichtum, wo ich mir innerlich mir nur sagen kann: Was hat sie da für eine Arbeit geleistet – beeindruckendst!!! Aber auch Freude kommt beim Lesen auf: Bei mir z.B. ihre Bemerkung auf Seite 14, als sie feststellt, dass Anfang des XVI. ausschließlich junge Frauen am modernen Flügelspinnrad – „diesem neumodischen Kram“ – dargestellt sind,; hundert Jahre später in der Genre-Malerei nunmehr auch alte. Oder auf Seite 58 bei ihrer Bemerkung, die Wockenstäbe seien in Ungarn länger als die der hessischen Vorbilder (Auswanderer). Da machte es bei mir „Klick!“ weil mir sofort der mögliche Grund einfiel: In Hessen wurde früher Flachs versponnen, in Ungarn vor allem Hanf. Und der ist mit seinen Fasern viel länger. Insofern braucht man zum Hanfspinnen auch einen längeren Wockenstab. Aber das müsste man verifizieren, (natur)-wissenschaftlich gesehen.

AutorIn: Helga Heubach (2009)