Weser Kurier vom 14.11.2004

Kunstvolles entsteht aus Wolle
Traditionelle Techniken der Verarbeitung beim deutschen Handspinnertreffen in Bredbeck

Von unserer Mitarbeiterin
Angelika Meurer-Schaffenberg

Landkreis. "Spinnräder sind wie Herdentiere - die vermehren sich wie von selbst", schmunzelt Kristin Benecken. Sie steht in der Diele des Tagungshauses Bredbeck zwischen mehreren Dutzend Spinnrädern. Über 70 Menschen haben sich für vier Tage zum deutschen Handspinner-Treffen in Bredbeck versammelt.

"Wir haben allein elf bei uns zu Hause stehen", bestätigen Klaus und Wiebke Lamer, während die ungesponnene Wolle durch ihre Finger gleitet. Hobbyspinner scheinen neben der Liebe zu alten Traditionen auch der Sammlerleidenschaft verfallen zu sein. Wiebke Lamer spinnt seit 30 Jahren. Als körperliche Probleme ihrem Hobby vor zehn Jahren ein Ende zu bereiten schienen, entwickelte ihr Mann für sie ein elektrisches Spinnrad, das ihr das Treten mit den Füßen erspart. Seitdem hat auch ihn das Spinnfieber erfasst. "Schließlich musste ich ja ausprobieren, ob die funktionieren", erklärt er.

Ein paar Spinnräder weiter kurbelt Maria Vieten an einer stacheligen Rolle, auf die sie die vorgewaschene Wolle wickelt. Kardieren ist der Fachbegriff für diese Technik, mit der man unterschiedliche Farben mischen und die Fasern glatt streichen kann.

Wer glaubt, dass Handspinner nur am Spinnrad sitzen, wird bei einem Blick auf das Workshop-Programm eines Besseren belehrt. Vor und nach dem Spinnrad gab es viele andere Techniken, Wolle zu verarbeiten. Das Brettchenweben zum Beispiel. Waltraud Luley zeigt ihrer Gruppe, wie sie mit glatter Baumwolle oder Seidengarn unterschiedliche Muster herstellen kann. Mit einer Sicherheitsnadel spannen sich die Handarbeiterinnen die Bänder vor den Bauch, Kartonbrettchen sorgen für die richtige Reihenfolge beim Weben. "Früher haben die Menschen statt Pappe Knochen oder Holz benutzt", weiß die Workshop-Leiterin.

Während die Brettchenweber mit ihren Sicherheitsnadeln am Tisch angebunden sind, wird im Filzworkshop körperlicher Einsatz verlangt: "Kräftig walken, ruhig ein bisschen schneller", ermuntert die Anleiterin Inga Bens aus Oldenburg. Die hat aus feinen Wollfasern einen dünnen Schal geflochten, das Muster mit dem Dampfbügeleisen leicht fixiert und verfilzt das ganze jetzt mit Seifenwasser, indem sie es in Plastik rollt. Daneben hat eine Teilnehmerin ein Seidentuch mit hauchdünnen Wollfasern belegt - es ist ein kunstvolles Muster entstanden. Die ungewohnte Kombination der beiden Stoffe macht diese Handarbeit zu etwas Besonderem.

Bernhard Dankbar ist einer von sechs Männern auf dem Handspinnertreffen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die uralte Tradition des Nadelbindens zum Leben zu erwecken. "Diese Technik hat sich aus dem Nähen entwickelt", erklärt er. Früher hätten die Menschen Knochen als Nadeln verwendet, beschreibt er den Ursprung, während er eine Hornnadel in die Höhe hält. Ausgehend von einer einfachen Schlingkette werden die Endprodukte in Spiralen aufgebaut. Mit ausgestellten Schuhen, Schals und Mützen demonstriert Dankbar, wie viele Techniken das Nadelbinden zu bieten hat.

Kristin Benecken aus Freißenbüttel hat das deutsche Handspinnertreffen organisiert, zu dem auch Gäste aus den Niederlanden und Frankreich gekommen sind. "Wir wollen das Wissen um die alten Techniken erhalten und weitergeben", erklärt sie das Anliegen der Handspinngilde, die seit kurzem als gemeinnütziger Verein eingetragen ist. Die Hobbyspinner tauschen sich während des ganzen Jahres deutschlandweit über eine Mailingliste auf elektronischem Wege aus. Über 200 Adressen stehen in der Kartei des Vereins. In vielen Regionalgruppen pflegen sie gemeinsam ihr Hobby. Kristin Benecken will auch für Osterholz-Scharmbeck eine solche Gruppe gründen. Interessenten können sich bei ihr unter der Telefonnummer 0 47 91 / 96 91 03 melden.

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