| Kieler Nachrichten vom 14.1.2008 | |
Schinkel Die Räder drehen sich ohne Unterlass. Die Fäden werden immer länger. Derweil unterhalten sich die Handwerkerinnen über Fasern, Mischungen und Zigarettenfilter. 25 Frauen aus Schleswig-Holstein und Hamburg trafen sich gestern auf dem Schinkeler Uhlenhoff, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung, um gemeinsam zu spinnen. „Wenn jemand sagt, wir spinnen, nehmen wir das gelassen“, sagt Wohngruppenleiterin Benita Davidoff schmunzelnd. Die Großkönigsförderin hat das Treffen organisiert. „Damit man sich austauschen kann, Grundwissen erwerben und spezielle Techniken lernen kann“, erklärt die Großkönigsförderin. Davidoff ist eines von 130 Mitgliedern der Deutschen Handspinngilde. Um Grundwissen geht es auch Alexandra Nowak aus Goltoft an der Schlei. Die 35-Jährige züchtet rauwollige pommersche Landschafe. Die Wolle hat sie bisher immer verkauft oder zum Filzen benutzt. „Aber nun möchte ich das Spinnen lernen.“ Unterstützung bekommt sie von Katharina Sperling aus Kiel. Die 47-Jährige hält den dicken Haufen gewaschener und gekämmter Wolle auf dem Schoß. Behutsam zieht sie die Fasern zu einem lockeren Strang. „So ist es für Alexandra leichter zu spinnen.“ Nowak lässt vorsichtig den Wollstrang durch die Finger gleiten und zwirbelt ihn zu einem dichten Faden. Zentimeter für Zentimeter landet das fertige Garn schließlich auf der Spule. Noch ist die gesponnen Wolle mal dicker, mal dünner. „Aber es macht Spaß“, sagt die Anfängerin. „Alles andere bringt die Übung mit sich“, versichert die Fortgeschrittene. Schafwolle, Seide, Baumwolle und das Fell des Alpakas gehören zu den Klassikern unter den spinnbaren Fasern. „Aber eigentlich kann man alles nehmen“, sagt Benita Davidoff. „Es ist nur eine Frage der Fingerfertigkeit. Kurze Fasern sind schwieriger zu verarbeiten als lange.“ Gabriela Frank hat auch schon Hundehaare in Garn verwandelt. „Jemand wollte aus dem Fell seines Hundes eine Weste haben“, erklärt die Kielerin. Aus drei Kilogramm Fell gewann Gabriela Frank zwei Kilogramm Faden. „Man kann selten die gesamte Wolle verwenden. Zu kurze oder verschmutze Teile muss man aussortieren.“ Hilke Zühlke hat eine spezielle Endlos-Viskosefaser mitgebracht. Ganz gleichmäßiges Garn hat sie daraus gesponnen. Für Pullover, Mützen und Schals ist der Rohstoff allerdings nicht vorgesehen. „Aus dieser Viskose macht man eigentlich Zigarettenfilter“, überrascht die Hamburgerin ihrer Zuhörerinnen. Zum Treffen haben die Teilnehmerinnen ihre Spinnräder mitgebracht. „Spinnräder sind Herdentiere. Die vermehren sich“, ulkt Katharina Sperling. Sie selbst hat inzwischen fünf zu Hause stehen. „Weil die einfach schön sind.“ Ab 180 Euro seien die Geräte zu haben. Das ursprüngliche Handwerkszeug ist erheblich einfacher. „Das waren Astgabeln“, erklärt Davidoff. Später kamen die Handspindel, dann das Spinnrad und schließlich die großen Maschinen. Davidoff spricht dem Spinnen eine beruhigende Wirkung zu. „Wenn Hände, Füße und Augen im Einklang sind und gleichmäßig miteinander arbeiten, kommt man zur Ruhe.“ Der Effekt werde auch zu therapeutischen Zwecken genutzt. „Beispielweise in Kureinrichtungen, psychiatrischen Kliniken oder in der Arbeit mit behinderten Menschen.“ Von Martina Jensen |
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